Wenn die Vergangenheit atmet


In Oyinkan Braithwaites Der Fluch der Falodun Frauen lastet die Vergangenheit schwer auf den Schultern der titelgebenden Frauen. Über Generationen hinweg verknüpfen sich Liebe, Verlust und unerklärliche Kräfte zu einem Netz aus Schmerz und Schicksal. Ein Roman über vererbte Wunden und den stillen Fluch, nicht loslassen zu können.

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Die 1988 in Lagos geborene nigerianisch-britische Schriftstellerin und Drehbuchautorin Oyinkan Braithwaite betrat 2018 mit Meine Schwester, die Serienmörderin die literarische Bühne, einem Debüt über Schwesternschaft, Eifersucht und Mord. Der Fluch der Falodun Frauen zeigt erneut eine Faszination für dunkle Geheimnisse, die hier die Frauen einer Familie aus Lagos verbinden. Die Geschichte des Falodun-Fluchs geht auf Feranmi Falodun zurück, die den Mann einer anderen verführte und dafür von dieser verflucht wurde. Ihre Nachfahrinnen sollten keine dauerhafte Liebe finden. Dieser Fluch lastet als unheilvolle ständige Präsenz auf den drei Hauptfiguren Monife, Ebun und Eniiyi. Durch eine mehrstimmige Erzählstruktur werden die Perspektiven der drei Frauen abwechselnd auf verschiedenen Zeitebenen erzählt

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Was die Faloduns eint, sind Geschichten von Frauen mit gebrochenen Herzen, die über Generationen hinweg keinen Mann halten können. Da ist Feranmi, das Familienoberhaupt, die von einem verheirateten Mann schwanger und dafür verflucht wurde; Fikayo, deren Ehemann sie verließ, nachdem er es satt hatte, sich um ihre chronische Krankheit zu kümmern; und Afoke, die den Freund ihrer jüngeren Schwester verführte.

Der Fluch der Falodun Frauen beginnt mit einem Knall: Die 25-jährige Monife ertränkt sich im Meer. Um den Grund für diese Entscheidung zu verstehen, versetzt uns Braithwaite zurück ins Jahr 1994, als Monife Kalu kennenlernt, den sie aufgrund seiner hellen Haut „Golden Boy“ nennt. Er, so glaubt sie, sei der perfekte Mann, um den Familienfluch zu brechen. „Golden Boy war der Grund dafür, dass ihre Zukunft verheißungsvoll wirkte“, so denkt die Protagonistin. Monifes und Kalus Liebesgeschichte entfaltet im Laufe des Romans eine schicksalhafte Unausweichlichkeit.

‚Wir werden beide die Liebe unseres Lebens kennenlernen und bis an unser Lebensende glücklich sein.‘ ‚Ist das durch den Fluch nicht quasi unmöglich?‘ ‚Scheiß auf den Fluch.‘

Aus: Der Fluch der Falodun Frauen

Monifes Tod wirft einen unheimlichen Schatten auf das Leben der beiden anderen Protagonistinnen. Ihre Cousine Ebun bringt am Tag von Monifes Beerdigung eine Tochter namens Eniiyi zur Welt, die Monife mit den Jahren in Aussehen wie Verhalten immer ähnlicher wird. Eniiyi beginnt, seltsame Visionen von Monife zu haben, unheimliche Eindrücke, die sie zwingen, sich mit der Möglichkeit auseinanderzusetzen, sie könne die Wiedergeburt ihrer toten Tante sein.

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Braithwaite verwebt in Der Fluch der Falodun Frauen die Geschichten dieser drei nigerianischen Frauen zu einem sich elegant entfaltenden Roman. Durch die wechselnden Zeitebenen hält sich der emotionale und symbolische Spannungsbogen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Schicksal. Die emotionalen Reaktionen, diese erlernten Arten zu lieben, bilden eine tief berührende Wahrheit, die die Autorin in diesem Roman über generationenübergreifenden Schmerz eindrücklich beschreibt. Wer sich auf den poetischen und emotionalen Rhythmus dieser Geschichte einlässt, wird mit einem vielschichtigen, melancholisch schönen Familienporträt belohnt.

 

Stephanie Krawehl war Inhaberin der Buchhandlung Lesesaal und plant auf Instagram eine Neuauflage von „Vorgelesen bekommen“, einer Vorstellungsreihe von Novitäten.

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Die Autorin

Oyinkan Braithwaite ist Autorin und als Drehbuchautorin tätig, unter anderem für die Filmadaption ihres ersten Romans Meine Schwester, die Serienmörderin, der vielfach ausgezeichnet und in 30 Sprachen übersetzt wurde. 2019 stand er u. a. auf der Shortlist für den Women’s Prize for Fiction und der Longlist für den Booker Prize. Braithwaite lebt in Großbritannien und Nigeria.


Die Übersetzerin

Yasemin Dinçer, geboren 1983, studierte Literaturübersetzen und hat u. a. Werke von Paula McLain, Shirley Hazzard und David Harvey ins Deutsche übertragen


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