Über Trauer und ihre Gefährten


Insbesondere im Podcast-Bereich ist das Genre True Crime äußerst beliebt. Viel zu oft stehen dabei aber die Täter:innen im Mittelpunkt, die Opfer bleiben Randfiguren. Autorin Jasmin Schreiber wechselt mit ihrem Roman Da, wo ich dich sehen kann die Perspektive. Bei ihr kommen die Ermordete selbst, ihre Tochter, ihre Eltern und die beste Freundin zu Wort. Der Täter muss schweigen.

177250_Schreiber_Sehen_3D_01.png

Mit dem James-Webb-Teleskop kann man Milliarden Jahre altes Licht sehen – und damit in die Vergangenheit schauen. Zumindest ist es das, was die neunjährige Maja anhand der Erklärung ihrer Patentante Liv versteht und was ihr Hoffnung gibt. Wenn sie durch so ein Teleskop auf die Erde schauen könnte, hätte sie die Chance, eine letzte wichtige Nachricht an ihre Mutter Emma zu senden. Ihre Mutter, die von ihrem Ehemann, Majas Vater, ermordet wurde.

Es darf nicht sein, dass Frauen sterben, nur weil sie Frauen sind.

Aus: Da, wo ich dich sehen kann

Mangelnde Prävention, unzureichende Schutzmöglichkeiten, fehlende bundesweite Definition – die aktuelle Debatte um Femizide in Deutschland dreht sich insbesondere um die Defizite bei der Bekämpfung von (tödlicher) Gewalt gegen Frauen. Als Femizide wird die gezielte Tötung von Mädchen und Frauen aufgrund ihres Geschlechts bezeichnet. Ein großer Teil findet im Kontext einer (Ex-)Partnerschaft statt.

177250_Schreiber_Sehen_BA_07.jpg

Durch den Femizid an Emma wird Majas Leben auf den Kopf gestellt. Jasmin Schreibers Roman Da, wo ich dich sehen kann beginnt (und endet) mit Maja und ihrer Therapeutin, die zusammen versuchen, das Erlebte zu verarbeiten – oder wenigstens damit umzugehen. „Nicht an Papa denken“ ist ein Satz, der Majas Gedankenwelt durch den gesamten Roman begleitet. Das fällt ihr nicht leicht. Ihre roten Haare hat sie von ihrem Vater, und Maja fragt sich, wo die Gemeinsamkeiten enden: „Kann man das Böse vererben, die Wut? Den Hass?“ Die Ähnlichkeit mit ihrem Vater gibt dem Mädchen die Gewissheit, schuld am Tod ihrer Mutter zu sein. Doch nicht nur Maja wird von Schuldgefühlen geplagt, auch ihre Großeltern Brigitte und Per sowie Liv, Emmas beste Freundin, fragen sich immer und immer wieder: Was hätten sie anders machen können, anders machen müssen, um den Femizid zu verhindern? Anhand eindringlicher Was-wäre-wenn-Szenarien gibt Schreiber den Figuren und Lesenden scheinbar eine Antwort, die am Ende doch ganz simpel bleibt: Niemand ist schuld an dem Mord, „[n]iemand außer dem Mann, der die Tat begeht“.

177250_Schreiber_Sehen_BA_03.jpg

Da, wo ich dich sehen kann beginnt ein halbes Jahr nach dem Femizid. Die Trauer um Emma erfasst mehrere Generationen, entfremdet Maja von ihren Großeltern und führt sie zugleich zusammen. Majas erste richtige Freundin nach dem Femizid ist Liv – und deren Schäferhündin Chloé. Die beiden Freundinnen können sich in ihrer gegenseitigen Trauer helfen.

177250_Schreiber_Sehen_BA_05.jpg

Das Danach eines Femizids – Trauer, Schuldgefühle, Sorgerechtsstreit – bildet das zentrale Motiv in Da, wo ich dich sehen kann von Jasmin Schreiber, die unter anderem bereits in ihrem Debütroman Mariannengraben bewiesen hat, wie einfühlsam sie mit komplizierten Gefühlen umgehen kann. Aber auch familiäre, freundschaftliche und partnerschaftliche Beziehungen, die sich unter Trauer verändern, wachsen und strapaziert werden, sowie toxische und gewaltvolle Beziehungen, die sich leise entwickeln, unbemerkt bleiben und schwer zu verlassen sind, werden behandelt. Sensibel und eindrücklich beschreibt Schreiber die Perspektiven der verschiedenen Opfer nach einem Femizid, was die Lektüre des Romans so emotional und wertvoll macht.

 

Madeleine Stieper arbeitet im Vertrieb der Büchergilde und möchte am liebsten nur Bücher lesen, in denen Frauen eine laute Stimme gegeben wird.

Banner_Schreiber_Sehen_HP2_1080x1080.jpg

Die Autorin

Jasmin Schreiber, geboren 1988 in Frankfurt am Main, ist Biologin und Schriftstellerin. Wenn sie nicht gerade durch ein Moor kriecht, um Kurzflügelkäfer für ihre Forschung zu finden, schreibt sie Romane oder erzählt Geschichten aus Wissenschaft und Natur im Podcast Bugtales.fm. Jasmin Schreiber lebt mit ihrem Mann und ihren drei Hunden in Hamburg. Bei der Büchergilde erschien zuletzt ihr Roman Endling.


Weitere Empfehlungen