Auf schwankendem Grund


Aufgepasst, Elizabeth Strout-Fans wie Neueinsteiger: In Erzähl mir alles kehrt die Pulitzer-Preisträgerin zurück zu dem Sujet, das ihr am besten liegt: dem Leben von Menschen in US-amerikanischen Kleinstädten. Einfühlsam schreibt sie über deren Sorgen, Freuden und Geheimnisse. Für zusätzliche Spannung sorgt ein Mord, in den gleich mehrere Einwohner:innen des Küstenorts verwickelt sind.

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Bob Burgess ist ein „Sündenträger“, der die Sorgen vieler Einwohner:innen der fiktiven US-amerikanischen Kleinstadt Crosby, Maine, auf sich nimmt. Der pensionierte Anwalt setzt sich unermüdlich für sie ein, hilft im Alltag, ist großzügig und geduldig. Sein Leben verläuft harmonisch, bis er die erfolgreiche Schriftstellerin Lucy Barton kennenlernt, die es in Pandemiezeiten von New York aufs Land verschlägt. Eine vorsichtige Liebe keimt auf, die beider Ehen in Gefahr bringt. 

Die Dritte im Bunde ist die 90-jährige knurrig-selbstbewusste Olive Kitteridge, eine ehemalige Mathematiklehrerin, die sich regelmäßig Geschichten aus dem echten Leben von Lucy erzählen lässt und auch gern eigene zum Besten gibt. Es geht dabei um zutiefst Menschliches: unterdrückte Gefühle, Missverständnisse, traurige Erinnerungen. So entsteht ein Kaleidoskop an kurzen, bewegenden Storys, die Elizabeth Strout geschickt in die Romanhandlung einbaut.

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Es sind Geschichten über Einsamkeit und Liebe (...). Und über die kleinen Verbindungen, die wir in dieser Welt eingehen, wenn wir Glück haben.

Aus: Erzähl mir alles

Kenner:innen von Elizabeth Strout werden sich an Olive und Lucy erinnern und jubeln: Endlich wird die gefeierte Bestseller-Serie fortgeführt. Neueinsteiger:innen wiederum werden auch ohne Vorkenntnisse die Figuren in Erzähl mir alles sofort ins Herz schließen. Elizabeth Strout ist eine vielfach preisgekrönte Schriftstellerin, die 2009 für Mit Blick aufs Meer den Pulitzer-Preis erhielt. Der Roman wurde 2014 als Miniserie mit Frances McDormand in der Hauptrolle verfilmt.

In ruhigem Tempo, klarer Sprache und sehr lebensnahen Dialogen gelingt Elizabeth Strout in Erzähl mir alles eine vertrauliche Zwiesprache mit den Leser:innen, ganz nah an den Figuren, immer wieder unterbrochen von einsichtigen Kommentaren der Autorin. Im Fokus stehen verschiedene Teile der US-amerikanischen Gesellschaft: von der verwöhnten, oberflächlichen New Yorker Oberschicht über die gesetzten Bürger:innen der Küstenstadt Crosby mit ihren Vorurteilen besonders gegenüber Fremden bis zu den Zu-kurz-Gekommenen am Rande, die sich ihr Glück mühsam und voller Schmerzen erkämpfen müssen.

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In ihrem hochaktuellen Kaleidoskop gelingt es Strout, Ursachen und Folgen der aktuellen Spaltung der US-Gesellschaft in Worte zu fassen: Nachwirkungen der Pandemie, Drogen, gestiegene Immobilienpreise, Gewaltausbrüche. Ein Leben „auf schwankendem Grund“, wie die Autorin es zusammenfasst. In der zweiten Hälfte von Erzähl mir alles übernimmt Anwalt Bob die Verteidigung eines Mannes, dem ein Mord vorgeworfen wird. Das Tempo nimmt zu, die Spannung steigt.

Doch im Zentrum stehen ganz alltägliche Probleme. Elizabeth Strout ist eine Meisterin darin, mit Scharfsinn den Blick auf das Innere zu wenden, Erklärungen für (Fehl-)Verhalten zu liefern. Trotz allen Leides bleibt Erzähl mir alles optimistisch, und ist außerdem ein bewegendes Plädoyer für die Liebe.

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Der Roman fasziniert bis zur letzten Seite, weil er nicht melodramatisch erzählt ist, dafür mit leisem Humor für Verständnis wirbt. Als Olive Kitteridge in ihrem Seniorenheim von der Schriftstellerin Lucy die Botschaften der gerade vorgetragenen Geschichten erwartet, bekommt sie eine simple Antwort: Es gehe um „Menschen und das Leben, das sie führen“. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger. Unbedingt lesenswert! 

 

Lutz Lenz ist freier Journalist und genießt sein Leben in Südfrankreich (Labeyrie-bnb.com). Er schreibt unter lenz.liest bei substack.com, um Menschen für anspruchsvolle Literatur zu begeistern.


Die Autorin

Elizabeth Strout, geboren 1956 in Portland, Maine, wuchs in Kleinstädten in Maine und New Hampshire auf. Für ihre Romane wurde sie vielfach ausgezeichnet, u. a. 2009 mit dem Pulitzerpreis für Mit Blick aufs Meer, 2018 mit dem Story Prize für Alles ist möglich. Strout lebt in Maine und New York.


Die Übersetzerin

Sabine Roth übersetzt Literatur aus dem Englischen, u. a. Jane Austen, John le Carré, V.S. Naipaul, Lily King und Richard Osman.


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