Tragische Familiensaga im Schatten der Revolution


In Fereydun hatte drei Söhne verwebt Abbas Maroufi den Mythos des persischen Epos des Schahname mit den politischen Erschütterungen im Iran vor und nach 1979. Aus den Schicksalen von vier Brüdern entsteht die bewegende Geschichte einer Teheraner Familie, die an Revolution, Ideologien und den Folgen des Exils zerbricht.

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Abbas Maroufi, einer der bedeutendsten zeitgenössischen iranischen Autoren, hat mit dem ursprünglich im Jahr 2000 veröffentlichten und von der Büchergilde erstmals 2016 aufgelegten Fereydun hatte drei Söhne einen großen Roman geschaffen. Dieser ist eine psychologische Nahaufnahme einer Nation im Umbruch. Als Vorlage dient dem 2022 im deutschen Exil verstorbenen Maroufi der mehr als tausend Jahre alte Mythos des Königs Fereydun aus dem Nationalepos Schahname. Diesen aktualisiert er und stellt die Familie Amani kurz vor der Islamischen Revolution von 1979 ins Zentrum seines Romans. Der Vater, ein linientreuer Anhänger des Schahs, muss hilflos mitansehen, wie sich seine vier Söhne (ja, anders als der Titel vermuten lässt, sind es vier) in den politischen Wirren der Epoche verlieren. 

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Vielleicht hatte alles mit der Revolution begonnen. Doch niemand weiß, wo die Revolution begonnen hatte. Ein Rätsel, das bis in alle Ewigkeit ein Geheimnis bleiben wird.

Aus: Fereydun hatte drei Söhne

Jeder Bruder wählt einen anderen Weg: Der Protagonist Madjid wird Kommunist und flieht ins Exil nach Deutschland, Assad schließt sich den Anhängern Chomeinis an, Said kämpft mit den Volksmudschaheddin gegen den Schah und Chomeini und Iraj gerät zwischen die Fronten. Ihm droht die Hinrichtung. Aus der geschwisterlichen Verbundenheit wird eine erbitterte Feindschaft. Mit erschreckender Klarheit zeigt Maroufi, wie politische Ideologien die intimsten menschlichen Beziehungen vergiften und Familien unwiederbringlich zerstören können.

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Die Kapitel „Ich“, „Du“, „Er“ und „Wir“ wurden nach den Personalpronomen benannt, um die Ambivalenz der Identität und die verschiedenen Perspektiven des traumatisierten Madjid Amani darzustellen. Als Erzähler in Fereydun hatte drei Söhne blickt er aus der Isolation einer psychiatrischen Klinik in Deutschland auf die Trümmer seiner Vergangenheit im Iran der 1970er-Jahre zurück. Madjid schildert sein hilfloses Leben im Exil, wobei sich sein gegenwärtiger Alltag mit Erinnerungen an die Vergangenheit vermischt. Seine Schuldgefühle und die Entfremdung von Familie und Heimat sind ebenso Thema wie seine distanziertere Perspektive auf die Lebenswege der drei Brüder: Erzähler Madjid gelingt es, die grausame politische Spaltung seiner Familie während der Islamischen Revolution mit dem nötigen emotionalen Abstand zu beschreiben.

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Die Erzählstruktur spiegelt das emotionale Chaos der Figuren wider. Maroufi springt zwischen Zeitebenen, Realität und Halluzination hin und her, eine Zerrissenheit, die das Buch zu einer schmerzhaften, aber auch zutiefst poetischen Lektüre macht. Seine Sprache ist bildgewaltig, metaphorisch und von einer melancholischen Schönheit, die den Schmerz des Exils spürbar macht.

Schonungslos ergründet Abbas Maroufis Roman Fereydun hatte drei Söhne die Themen Schuld, Verrat und das Schicksal einer Generation und gewährt damit einen tiefen Einblick in die Traumata der neueren iranischen Geschichte. Ungeachtet der komplexen Erzählweise entwickelt das Buch eine Sogwirkung. Ein absolut packendes Leseerlebnis, das man so schnell nicht vergisst und das unbedingt auf jede Leseliste gehört!

 

Stephanie Krawehl ist schon länger von persischer Literatur fasziniert und tief beeindruckt von diesem Werk.


Der Autor

Abbas Maroufi (1957-2022), geboren in Teheran, gründete die Zeitschrift Gardoon und war ihr Herausgeber, bis er wegen „Beleidigung der islamischen Grundwerte“ verurteilt wurde. Er konnte das Land verlassen und eröffnete in Berlin die Buchhandlung Hedayat. Auf Deutsch erschien u. a. Die Symphonie der Toten, ausgezeichnet mit dem Preis der Philosophisch-Literarischen Verlagsstiftung des Suhrkamp Verlags. Abbas Maroufi starb 2022 in Berlin.


Die Übersetzerin

Susanne Baghestani, geboren in Teheran, übersetzt Texte aus dem Persischen und dem Französischen ins Deutsche. Sie lebt in Frankfurt am Main.


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