Was ist schon ein normaler Mensch?


… möchte Leon Engler in seinem hinreißenden Debütroman Botanik des Wahnsinns wissen. Dieser Frage spürt der Autor auf verschiedenen Ebenen nach und erzählt von einem jungen Protagonisten, dessen von psychischen Krankheiten geprägten Familiengeschichte, der Angst vor der eigenen Verrücktheit und seiner Zeit in der Psychiatrie – als Psychologe, nicht als Patient.

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Mit dem titelgebenden Wahnsinn kennt sich der Erzähler in Leon Englers Debüt aus – schizophrener Großvater, todessehnsüchtige Großmutter, schwer depressiver Vater, alkoholabhängige Mutter. Mit der Mutter beginnt auch die Handlung: Weil ihr die Zwangsräumung droht, hat sie all ihren Besitz in Dutzende Kartons gepackt. Das Problem: Diese wurden beim Umzug vertauscht und sind in der Müllverbrennungsanlage gelandet – samt allen Zeugnissen, Fotos und Spuren der Familiengeschichte.

Es ist nicht leicht, nicht hell, nicht schön, aber es ist in Ordnung: Wir nennen das das Leben.

Aus: Botanik des Wahnsinns

Diese Geschichte rekonstruiert nun der Ich-Erzähler; er berichtet vom Aufwachsen der Eltern und deren unsteten Lebensstationen, inklusive Anspielungen auf die tragischen Biografien der Großeltern. Geprägt von diesem abgründigen Umfeld, fürchtet er bereits früh die eigene dysfunktionale Psyche und flüchtet vor der Familie von München nach New York und schließlich nach Wien. Sein Nachbar dort, der mehr in Büchern als in der Realität lebt, unterhält ihn mit klugen Zitaten, die den Lesenden bis zum Ende von Botanik des Wahnsinns erhalten bleiben und zahlreichen Szenen eine weitere Ebene hinzufügen. „Das Leben ist so heilig, vielleicht wissen Gesunde das nicht“, zitiert der Nachbar etwa aus einem Brief der österreichischen Schriftstellerin Christine Lavant.

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Ausgeschmückte Lettern von Emil Zbinden leuchtend geprägt

Schließlich landet der Erzähler in der Psychiatrie, entgegen allen Befürchtungen allerdings als Psychologe. Die Historie seiner Familie verflicht er durch seine Arbeit mit der Kulturgeschichte der Psychiatrie, den Diagnosen und Erlebnissen anonymer Patient:innen. Er berichtet von seinem Alltag, betont, wie wichtig das Zuhören ist und wie komplex die individuellen Fälle. Eine gedrückte Stimmung lässt sich beispielsweise zurückführen auf „Genetik, Neurobiologie, Hormone, Familie, Denkmuster, traumatische Erfahrungen, Lebenserfahrungen, fehlende soziale Unterstützung, Armut, Einsamkeit“. Mit dem Fachwissen seines Protagonisten setzt Engler das Themengebiet der psychischen Erkrankungen in einen größeren Kontext – eine großartige zusätzliche Komponente für die Geschichte.

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Leon Engler, der selbst unter anderem in München, New York und Wien lebte und sich bisher als Theaterautor einen Namen gemacht hat, bezeichnet sein Debüt als autofiktional. Trotz der persönlichen Elemente hofft er aber, auch etwas Allgemeines gespiegelt zu haben, wie er in einem Interview mit Buchkultur verrät. Dieses Vorhaben ist ihm mit Bravour gelungen: In Botanik des Wahnsinns häufen sich Sätze zum Markieren, zum Wiederfinden und Reflektieren. Außerdem greift er ein hochaktuelles Thema auf: Vor allem die junge Generation setzt sich mehr und mehr für die Enttabuisierung psychischer Krankheiten ein und wählt häufiger den Weg der Therapie, oft auch, weil die eigenen Eltern diesen Weg nicht gewählt und Traumata ohne jegliche Bearbeitung weitergegeben haben.

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Engler erweitert in seinem Debüt den Blick auf das, was „normal“ ist und was „unnormal“, wie man seinen Prägungen entkommt (oder auch nicht) und wie man sich mit seiner Herkunft versöhnen kann. Trotz der tragischen Familiengeschichte bleibt sein Ton dabei wertfrei, liebevoll und sanft. „Ein Überraschungserfolg des Jahres“, heißt es in der Süddeutschen Zeitung über Botanik des Wahnsinns – dem können wir nur bedingungslos zustimmen.

 

Sophie Arnold ist bei der Büchergilde für Veranstaltungen und Pressearbeit zuständig und hat in Englers Debüt sehr viele Sätze markiert.

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Der Autor

Leon Engler wuchs in München auf und studierte Theater-, Film-, Medien-, Kulturwissenschaft und Psychologie in Wien, Paris und Berlin. Er veröffentlichte zahlreiche Theaterstücke, Hörspiele und Kurzgeschichten und wurde 2022 mit dem 3sat-Preis beim Bachmann-Wettbewerb ausgezeichnet. Er ist tätig als Autor, Psychologe und Dozent für Psychologie und Literarisches Schreiben. Botanik des Wahnsinns ist sein Debütroman.


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